Spielvorstellung: „A Warning to the Curious“ von Trollish Delver

Ich bin schon ein Fan von Scott Malthouse von Trollish Delver Games, wie ich auch hier schonmal schrieb. Ich bin mal wieder bei itch.io gewesen und hab mir sein regelleichtes Grusel-Rollenspiel A Warning to the Curious angeschaut.

#Worum geht es in dem Spiel?

A Warning to the Curious (dt. etwa: Eine Warnung an die Wissbegierigen) handelt von Gelehrten des 19. Jahrhunderts, die übernatürlichen Rätseln und Wesen auf die Spur kommen – und möglicherweise durch ihre eigene Besessenheit daran verzweifeln. Das Spiel folgt dem klassischen Muster einer Spielleitung und Spielenden, ist ansonsten aber recht regelarm. Inspiration bezieht das Spiel aus den unheimlichen Geschichten des Autors M. R. James, in dessen Geschichten oft bösartige Wesen eine Rolle spielen. Auf dreizehn Seiten präsentiert Scott ein komplettes Spiel inklusive Szenario-Generator.

#Die Gelehrten

Die Gelehrten besitzen zunächst einmal folgende Elemente, die aus kurzen Beispielen gewählt oder selbst ausgedacht werden können: das Studiengebiet, zum Beispiel Englische Literatur; der tragische Hintergrund, beispielsweise der tragische Tod eines geliebten Menschen und ein unerschütterlicher Glaube wie Die Wissenschaft kann alles erklären. Zusätzlich besitzt jede Spielfigur mit Doom (dt. etwa Verhängnis) einen Spielwert, der die Spirale in die Dunkelheit widerspiegelt, während die Boshaftigkeit der Erkenntnisse sich manifestiert. Steigt der Doom-Wert auf 10, erliegt die Figur ihrem Verhängnis durch die Ermittlungen – entweder sofort oder am Ende des Szenarios. Das Ausscheiden sollte zum tragischen Hintergrund passen, damit sich der Kreis entsprechend schließt.

Illustration aus dem Regelbuch

#Das Regelsystem

A Warning to the Curious verwendet wenige sechsseitige Würfel (W6) und einen W8.

#Obsession, Angst, Verhängnis, unerschütterlicher Glaube

Wie schon erwähnt, handelt das Spiel von den verhängnisvollen Verstrickungen der Gelehrten in ein unheimliches Mysterium. Durch eine Mechanik mit dem sogenannten Obsession-Würfel (W8, dt. Besessenheit im Sinne von übertriebener Hartnäckigkeit) wird eine Figur immer mehr Opfer ihrer eigenen Hybris, bis sich der bei 0 startende Doom-Wert schließlich auf 10 erhöht hat. Dann hat sich die Figur so tief und unwiderbringlich in dem Mysterium verirrt, dass sie sofort oder zum Ende des Szenarios ausscheidet, gemeinsam von Spielleitung und der betroffenen spielenden Person erdacht. Der Fear-Würfel (W6, dt. Angst, Furcht), der von der Spielleitung gewürfelt wird, verstärkt diese Spirale noch, wenn neuen, unbekannten Schrecken begegnet wird, weil ein schlechtes Ergebnis zusätzlich den Doom-Wert erhöht. Leider wirkt sich die Erhöhung des Doom-Wertes nicht spielmechanisch aus, indem es mit jedem Würfelwurf wahrscheinlicher wird, dass Gelehrte auf den persönlichen Abgrund zusteuern. Das würde ich vermutlich verhausregeln.

Vor einem Wurf mit dem Fear-Würfel durch die Spielleitung kann eine Figur sich auf ihren unerschütterlichen Glauben berufen, wenn es zur Situation passt. Dann werden der Fear-Würfel (W6) und der Würfel für den unerschütterlichen Glauben (W6) gegeneinander gewürfelt und je nach Ergebnis verringert sich der Doom-Wert oder erhöht sich sogar um 2.

#Zauberrituale

Normalerweise sollten Menschen sich von Zauberei fernhalten, manchmal lässt sich der unheimliche Fall jedoch nicht ohne auflösen. Die Spielregeln dafür bauen auf den zuvor genannten Mechaniken auf, wirken sich bei Versagen negativ auf den Doom-Wert aus und es kommt zu einer schrecklichen Komplikation.

#Szenarien

Illustration aus dem Regelbuch

Ähnlich einem Abenteuergenerator wählt die Spielleitung verschiedene Elemente aus, um ein unheimliches Szenario zu bauen. An einem Ort befindet sich ein menschliches oder übernatürliches Wesen mit einer bestimmten Eigenschaft, einem Motiv und einem weltlichen Gegenstand, an den das Wesen gebunden ist. Letztlich existieren ein bis zwei Möglichkeiten, das Wesen zu vertreiben.

#Gedanken zum Spiel

Mir gefällt A Warning to the Curious sehr gut. Scott hat es wieder einmal geschafft, ein regelleichtes Rollenspiel zu entwickeln, das mit wenigen Mechaniken auskommt. Die Verwendung der W6 in Sachen Verhängnis und Angst erinnern etwas an Cthulhu Dark, allerdings ohne dass der steigende Doom-Wert an sich Handlungen erschweren würde. Das ist etwas, was ich vielleicht einbauen würde, damit die Spirale auch tatsächlich recht sicher Richtung Abgrund führt und nicht nur vom reinen Würfekglück abhängt. Ich habe Lust darauf, A Warning to the Curious mal auszuprobieren, weil es sich super für eine Spielsitzung an einem Abend eignet. Jetzt muss ich nur noch Leute dafür finden.

Das dreizehnseitige PDF ist ganz „solide“ gestaltet, das Cover bzw die zweite Seite gefällt mir mit der atmosphärischen Schriftart in Großbuchstaben sehr gut. Alle paar Seiten hat Scott gemeinfreie Illustrationen verwendet, die ich okay finde. Dass ein mehrseitiges Dokument heutzutage keine Lesezeichen bekommt, damit die PDF-Anzeigesoftware daraus ein Inhaltsverzeichnis darstellen kann, ist mir ein Rätsel. Scott beschäftigt sich mehr mit dem Spieleentwickeln als mit einer lesefreundlichen Darstellung – das ist okay, richtig schlimm ist es ja nicht. Es könnte aber besser sein. Ich hatte Scott früher mal um die Quelldateien eines seiner kostenlosen Spiele gebeten und er gab mir eine LibreOffice-Zeichnung oder eine -Präsentation, meine ich. Damit kann man natürlich was gestalten, ist dafür aber eigentlich nicht gedacht.

Ich mag die inhatliche Spirale in die Dunkelheit, wodurch sich das Spiel auch hervorragend für Szenarien mit kosmischem Schrecken eiget. Nirgendwo steht in den Regeln, dass man sich so etwas nicht ausdenken darf. Abgesehen davon sind die Regeln so abstrakt, dass Szenarien in jeder beliebigen Epoche spielen können. Ich dachte sofort an ein düsteres Science-Fiction-Setting mit Wissenschaftler*innen, die verlassene Raumschiffe, Stationen oder Ruinen aufsuchen … In einem separaten Artikel präsentiere ich euch eine entsprechende Science-Fiction-Variante.

 CC-BY-NC für die Textinhalte: Thorsten Panknin, 2023. Technisch ermöglicht durch Typemill.