Spielvorstellung: Champions of Wrath & Sorrow von Trollish Delver Games

Scott Malthouse ist ein umtriebiger Typ. Er haut ein (regelleichtes) Rollenspiel nach dem anderen raus, vor einer Weile hatte ich mir Dungeon Gits gekauft (und war darüber bei Tunnel Goons von Nate Treme gelandet). Vor Kurzem bekam ich von itch.io die Nachricht, dass Scott wieder zugeschlagen hat: Er veröffentlichte das weirde Fantasy-Rollenspiel Champions of Wrath & Sorrow. Ich hab es mir angeschaut.

Worum geht es?

Schräge Sword & Sorcery¹, inspiriert von Autor*innen wie Michael Moorcock, Gene Wolf, C.L. Moore und die Musik der Band Smoulder. Die Götter sind umtriebig, Magie ist bösartig und sowohl die wachen als auch die schlafenden Welten sind von unvorstellbaren Wesen bewohnt.

Die Spielenden stellen Held*innen dar, die einen Pakt mit einem Gott eingegangen sind und dafür eine lebendige Waffe erhalten haben, beispielsweise ein Schwert, ein Bogen oder ein Speer. Das Fiese ist: Diese Waffe, wie mächtig und vorteilhaft sie auch sein mag, zerstört die Menschlichkeit derjenigen, die sie führen. Wer gleich an Sturmbringer und Elric von Melniboné denken musste, trifft genau ins Schwarze.

¹ Sword & Sorcery: Rasante, actionreiche Geschichten, die in einem quasi-mythischen oder fantastischen Rahmen spielen. Im Gegensatz zur High Fantasy steht dabei eher etwas Persönliches auf dem Spiel, und die Gefahr beschränkt sich auf den Moment der Erzählung. Die Schauplätze sind in der Regel exotisch, und die Protagonisten sind oft moralisch kompromittiert. – https://www.wikiwand.com/en/Sword-and-sorcery

Regelsystem

Das Würfelsystem basiert auf sechsseitigen Würfeln (W6), zumeist wird mit 2W6 gewürfelt, der Wert eines Attributs und einer Fertigkeit hinzugerechnet und das Ergebnis mit einer Schwierigkeit verglichen. Das ist normalerweise eine 10, die mindestens erreicht werden muss. Einfachere Handlungen haben eine Schwierigkeit von 8, schwerere eine von 12. Zum Kampfsystem schreibe ich mal nichts weiter, lest es euch gern selbst durch.

Figurenerstellung

Ein essenzieller Teil des Spiels ist die lebendige, verfluchte Waffe, die erwürfelt oder ausgesucht wird. Was für eine Waffe ist es und vor allem – welches Persönlichkeitsmerkmal besitzt sie? Ein rachsüchtiger Speer, ein arroganter Dolch, eine reizbare Axt sind Beispiele dafür. Ich hätte total Lust auf einen rachsüchtigen Bogen, der mit einigen Leuten noch ein ganz persönliches Hühnchen zu rupfen hat und gern mal die Initiative übernimmt. Oder der auf die Stimmung meiner Figur Einfluss nimmt. Alle kommen irgendwoher, deshalb braucht es einen Hintergrund wie das Flammende Archipel, die Insel der Katzen oder den Kreischenden Turm. Ich mag es, wenn eine Figur, ähnlich wie bei Tiny Cthulhu, ein zahlenloses Element hat, das andeutet, wie sich die Figur verhält oder wie sie eingestellt ist. Bei Champions of Wrath & Sorrow ist das die Obsession, die wie eine giftige Spinne zu jeder Tages- und Nachtzeit durch den Geist der Figur schleicht. Geheimes Wissen, Blutlust oder das Verlangen nach prächtigen Reichtümern kann eine Obsession sein. Die Obsession hat darüber hinaus auch eine regelmechanische Auswirkung, denn sie anzuspielen gibt Unheilspunkte (engl. bane points). Das sind im Prinzip die bekannten „Gummipunkte“, mit denen Spielvorteile erkauft werden können. Wieso „Unheilspunkte“? Bei jeder Verwendung der maximal drei Punkte wird gewürfelt, ob die Menschlichkeit der Figur zersetzt wird. Autsch. Alle haben jeweils drei seltsame Gegenstände wie ein Fernglas ins Nichts , eine Viole lachenden Blutes oder einen Fisch aus Zahnrädern dabei, besitzen drei Attribute (Körper, Geist, Aura), einige Fertigkeiten und einen Wert für Wunden – bei drei Wunden ist Schicht im Schacht.

Gottheiten und Gaben

Spannend wird es wieder, wenn es um die Gottheit geht, mit der ein Pakt geschlossen wurde – und die Gottesgabe, die damit einhergeht, die einmal pro Spielsitzung eingesetzt werden kann. Vampirhafter Durst bringt beispielsweise eine Wunde zurück, wenn die Figur jemand anderem eine Wunde zufügt; die Hand Gottes verringert die Schwierigkeit einer Handlung oder durch schiere Willenskraft kann die eigene Menschlichkeit um 1 wieder erhöht werden. An Göttern selbst sind einige schräge Vögel dabei, unter anderem Milith von den Drei Monden oder … wartet … wartet … Der König in Gelb!

Gegenstände ohne Buchführung

Alltägliche (Abenteuer-)Gegenstände, die erwartbar irgendwo gekauft worden sein können, haben die tragischen Held*innen einfach dabei – hier gibt es keine Buchführung und auch keine Marktplatzrunden … puuh, gut.

Abenteurerstufen

In Champions of Wrath & Sorrow gibt es vier Stufen, die Spielfiguren während mehrerer Abenteuer erreichen können: Vagabund*in, Adept*in, Traumwandler*in und Aufgestiegene*r. Erfahrungspunkte gibt es im Spiel nicht und deswegen auch keine festen Grenzen, wann der Übergang von einer Stufe zur nächsten zu vollziehen ist – das entscheiden die Spielenden gemeinsam mit der Spielleitung. Nach einem Aufstieg erhält die Figur beispielsweise +1 auf ein Attribut und Fertigkeiten, +1 auf die Anzahl Wunden oder weitere Fähigkeiten wie das Wechseln zwischen den Dimensionen. Als Aufgestiegene*r gelten die Spielfiguren als Halbgöttinnen bzw. -götter und könnten möglichweise die Götter selbst herausfordern.

Abenteuer

Scott gibt einige Tipps, wie Szenen in Champions of Wrath & Sorrow aufgebaut sind und empfiehlt, Szenen von den Spielenden durch ihre Handlungen beenden zu lassen und nicht durch ein vordefiniertes Ende. Da bin ich mir nicht so sicher, wie ich den Tipp finde; Scotts Regelbücher sind manchmal auch etwas … unklar, das kann man im Zweifel verhausregeln oder ihn einfach anschreiben und fragen. Ein Element, mit dem ich selbst noch nicht gearbeitet habe, sind Uhren. Damit meint Scott, dass für die Erfüllung einer Handlung mehr als ein Schritt vonnöten ist und in einer gewissen Zeit geschafft werden muss. Es geht darum, einen zeitlichen Druck aufzubauen und dadurch Spannung zu erzeugen. Ein wichtiger Aspekt: Auch wenn die Spielenden keinen Erfolg haben, möge die Handlung auf interessante Weise weitergehen. Sich immer wieder eine blutige Nase zu holen und zu würfeln und zu würfeln und zu würfeln, bis der Wurf geschafft ist, das gibt es hier nicht. Und wenn ich ehrlich bin: Ich bin froh darüber.

Duetspiel

Champions of Wrath & Sorrow kann auch zu zweit gespielt werden, dafür stellt das Spiel einige Sonderregelungen bereit wie das Heraufsetzen der Anzahl der Wunden, mehr Fertigkeiten und das Spiel mit zwei Gottesgaben für die spielende Person. Praktisch, wenn, wie so oft, im Erwachsenenleben die Terminfindung zwischen mehreren Personen öfter mal durchfällt.

Sehr kurze Abenteuer – kurze Oneshots

Auch für einstündige Spielsitzungen gibt es einige Hinweise, die auch kurzes Rollenspiel interessant machen sollen. Beispielsweise eine Szene für jeweils 15 Minuten Echtzeit, eine einfache Handlung und die Verwendung einer Uhr.

Bestiarium

Das Spiel liefert etwa 20 Kreaturen mit, wiederum eine schräger als die andere. Die krasseste ist Balsagoth, der Ozeanfresser, eine gewaltige Monströsität aus Tentakeln mit einem Kampfwert von 13 und 3 Wunden. Tipps zur Erstellung eigener Kreaturen gibt es auch.

Fazit

Scott von Trollish Delver Games hat erneut ein Rollenpiel abgeliefert, das mir gefällt. Es ist regelleicht, bringt aber verschiedene Elemente mit, die sowohl die Geschichten als auch die Figuren interessant machen. Und mal ehrlich: Eine lebendige Waffe, die dir schlimme Dinge einflüstert und einen eigenen Willen hat – cool. Ihr findet Champions of Wrath & Sorrow mit einem frei wählbaren Preis bei itch.io.

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